Freitag, 26. Juli 2013

Den heutigen Vormittag verbrachte ich in Léonard’s Büro, um ihm ein paar Programme zur Erleichterung seiner täglichen Arbeit zu erstellen. Die auf Excelbasierte Liste, die ich Léonard am Anfang meines Aufenthaltes zur Registrierung der Schüler gebastelt hatte, ist seither regelmässig im Einsatz. Es freut mich zu sehen, wie er unsere Arbeit schätzt und solche Aufwendungen nicht umsonst waren. Also nahm ich mir auch gerne die Zeit, um seine zusätzlichen Wünsche und einige Modifizierungen im Programm vorzunehmen. Also verbrachte ich den Vormittag mit dem Herumbasteln und Ausfeilen dieser Listen und mit dem Unterrichten der Zumba Lektionen. Auch heute waren die Kinder wieder völlig motiviert, sodass ich ihnen noch einen ganz neuen Tanz beibringen konnte…

Nach der Schule gingen wir nach Bastos zum Maler, der uns die Bilder auf heute versprochen hatten. Als ich mein Bild entdeckte war ich echt suuuuper glücklich, da es einfach wunderschön ist und genau meinen Vorstellungen entspricht. Dieser Maler ist echt unglaublich talentiert. So beherrscht er verschiedenste Kunst- und Malstile, was ja relativ einzigartig ist. Meistens haben Künstler ja so ihr Spezialgebiet, indem sie dann hauptsächlich stark sind. Er hingegen kann eigentlich alles – von abstrakten Bildern über 3D-Bilder bis hin zum Fotomässigen Abzeichnen von Objekten…

Der Maler und seine positive Ausstrahlung waren mir von Anfang an sehr sympathisch. Und als er mir dann noch erzählte, dass er überzeugter Buddhist sei, war ich ein noch grösserer Fan von ihm. Da ich mich ja auch total für den buddhistischen Glauben und diese Lebensweise oder Philosophie (wie man es auch immer nennen will) interessiere, hatten sich sozusagen zwei Gesprächspartner gefunden… Wäre ich alleine und nicht in Begleitung meiner beiden Mitfreiwilligen – die ausnahmsweise mal nicht viel beizusteuern hatten – gewesen, hätten wir wohl noch stundenlang weiter philosophiert. Doch ich wollte meine Kollegen nicht allzu lange aufhalten. Eigentlich schade, dass ich diese Bekanntschaft erst so kurz vor meinem Heimflug gemacht habe, denn mit ihm hätte ich mich gerne bei einem Drink mal noch etwas ausgiebiger über Gott und die Welt unterhalten…

Den Abend verbrachte ich mit meiner Gastfamilie, wobei ich mich jedoch früh zu Bett legte, um mich zur Abwechslung auch mal ein bisschen zu erholen…

Donnerstag, 25. Juli 2013 – grosse Einkäufe für die REHA-Klinik

Heute verliess ich die Schule bereits etwas früher, da meine Gastmutter und ich ein straffes Programm hatten. Heute Nachmittag wollten wir uns nämlich die ganzen Waren für das Rehabilitationszentrum besorgen. Die Zentrumsleiterin hatte uns nämlich mittlerweile eine Liste mit nötigen Dingen zukommen lassen – ich wollte ja bewusst Materialien für die Allgemeinheit und keine Geldbeträge spenden. Uns stand also eigentlich nichts mehr im Wege… ausser dem Geldbezug am Bankautomaten. Eine ganz einfache und schnelle Sache, würde man sich bei uns denken… jedoch nicht hier am heutigen Tag Wink

Ich wollte also eigentlich nur noch ganz „kurz“ Geld am Automaten abheben, was sich dann schlussendlich aber als beinahe 2h Nervenraubendes Prozedere herausgestellt hatte. Dummerweise hatten wir gerade Monatsende, wobei sich vor jeder einzelnen Bank eine riesige Schlange wartender Geldbezüger versammelte. Schliesslich zahlt man hier ja eigentlich fast ausschliesslich mit Bargeld. Banküberweisungen oder Kreditkarten als Zahlungsmittel sind noch nicht wirklich verbreitet. Ich hatte also keine andere Wahl, als mich ans Ende der Schlange zu stellen. Obwohl ich gut eine halbe Stunde wartete, verging die Zeit relativ schnell, da nämlich immer wieder Strassenhändler vorbeikamen, sodass ich mir zwischendurch kleine Dinge kaufte. So konnte ich während dem „Anstehen“ gleichzeitig meinen knurrenden Bauch mit Beignets und gekochten Eiern zufriedenstellen. Als ich dann endlich an der Reihe war, streikte natürlich der Bankautomat. Ich versuchte es mehrere Male – leider erfolglos – der Automat wollte einfach kein Geld mehr ausspucken. Etwas frustriert über die vergeudeten 40 Minuten ging ich zurück zum Auto, wo meine Gastmutter bereits ungeduldig auf mich wartete.

Obwohl die Zeit bereits extrem knapp war, hatten wir keine andere Wahl, als zu einer anderen Bank zu fahren und nochmals von vorne zu beginnen. Die dortige Schlange war noch viel länger bzw. gab es hier nur einen intakten Bankautomaten, weil alle übrigen bereits ausgestiegen waren. Ich verbrachte also mehr als eine Stunde in der Warteschlange. Solche Situationen kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man sich an die Gegebenheiten in der Schweiz gewöhnt ist, wo meistens alles zuverlässig und bestens funktioniert. Obwohl ich in der Schweiz in dieser Situation vor lauter Ungeduldigkeit schon längst ausgeflippt wäre, war ich völlig relaxt. Entspannt beobachtete ich die vielen Strassenverkäufer. Plötzlich fielen mir zwei Jungs auf, die mit einem Leiterwagen auf uns zuliefen. Ich sah sie bereits von Weitem mit irgendeinem undefinierbaren Gegenstand in der Hand. Als sie etwas näher kamen erkannte ich die tote Maus und irgendwas Längliches was aus ihr herausragte. Ich dachte erst, dass sie das tote Viech mit einem Stock im Hintern aufgespiesst hätten und man das hier vielleicht so isst – würde mich ja mittlerweile gar nicht mal mehr so erstaunen. (Man isst in Kamerun anscheinend ja auch Stachelschweine, Affen, Hunde, Katzen, Schlagen und Termiten)… Doch als sie nahe genug waren und das Bild endlich erkennbar wurde, traute ich meinen Augen nicht. Sie hielten tatsächlich eine tote Maus mit einer Zigarette im Mund in den Händen. Im Wagen befanden sich noch weitere aufgestapelte tote Mäuse, die alle eine Zigarette im Mund hatten. Das Bild war einfach derart abartig und grotesk, dass ich – obwohl es eigentlich unangemessen war – laut rausprustete. Keine Ahnung, wer sich so was kauft, aber anscheinend scheint Bedarf da zu sein, ansonsten würden sich diese zwei Jungs ja nicht damit beschäftigen… unglaublich Wink

Glücklicherweise war meine Pechsträhne vorbei, sodass dieser Bankautomate brav mein gewolltes Geld ausspuckte. Mit einer ordentlichen Verspätung begaben wir uns zum ersten Supermarkt, um die Dinge auf der Liste zu besorgen. Das Ganze stellte sich nicht so einfach heraus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Denn obwohl wir wie zwei aufgebrauste Hühner im Supermarkt herumeilten, benötigten wir bereits im ersten Laden mehr als eine Stunde, um die Ware zu finden. Wir sahen dann also schnell ein, dass wir es wohl nicht schaffen würden, alle Sachen heute zu besorgen. Also gingen wir danach noch auf einen Markt, um die restlichen wichtigsten Dinge einzukaufen. Zum Abschluss stellten wir uns in einer Apotheke einen „Erste Hilfe“ für die Schule im REHA Zentrum zusammen.

Leider kamen wir danach voll in den Stau, sodass das Büro des Reha-Zentrums schon geschlossen war, als wir dort nach 7 Uhr auftauchten. Janu, dann müssen wir halt ein anderes Mal nochmals vorbeigehen. Immerhin hatten wir jetzt den grössten Teil der Ware eingekauft. Wir fuhren dann also anstelle davon zur jungen Mutter, für die ich ja auch ein paar Babykleider, Hygieneartikel und Nahrungsmittel eingekauft hatte. Lucas begleitete uns zu ihr, da er ja die Rolle eines Mentors oder Unterstützers übernommen hatte. Das Mädchen lachte bereits von Weitem als es uns sah und freute sich riesig über die besorgten Artikel. Da sie sehr scheu war, übernahm dann Lucas eine Art Dankespredigt. Er bedankte sich herzlich für die Unterstützung dieser jungen Mutter und segnete mich zum Schluss. Als sie dann alle zum Schluss das Gebet aufsagten und irgendwelche katholischen Rituale ausführten, war es relativ peinlich für mich, da ich ja keine Ahnung davon hatte. Ich war mir nicht mal sicher, wie man das katholische Kreuz bildet – Zuerst Kopf, dann Brust… das ging ja noch, ob dann jedoch zuerst rechts oder links kommt, wusste ich nicht… ich machte also einfach irgendwas, was wohl den anderen nicht unbemerkt blieb  Wink Lucas, war wohl ein bisschen geschockt, dass ich nicht mal die Basics kannte. Doch zu meiner Verteidigung muss ich hinzufügen, dass ich erstens nicht katholisch bin und mich zweitens mit keiner Weltreligion so 100%ig identifizieren kann – ich bin zwar auf dem Papier Christin, glaube aber in der Realität an meine eigene Religion – irgendein Mix aus Buddhismus, Christentum und Hinduismus. Dennoch fand ich es echt schön, wie er sich mit einer kleinen Predigt für unsere Unterstützung bedankte. Dieses Dankeschön gebe ich natürlich gerne an euch weiter, schliesslich habt ihr ja auch einen Teil dazu beigetragen…

Auf dem Nachhauseweg machten wir einen Hungerstopp bei einer Bäckerei, wo wir uns halb verhungert vor Fett trieftende Pizzas und Beignets verschlangen. Schliesslich hatten wir es in dem ganzen Gehetze nicht mal geschafft was Ordentliches zu essen – ausser ein paar zu vernachlässigende Kleinigkeiten und ein Pouletflügeli, an welchem es jedoch so viel Knochen dran hatte, sodass ich kaum mehr als 4 Bissen essen konnte…

Völlig k.o. erreichten wir dann endlich um kurz vor 9 unser zu Hause, wo ich mich nach dem Waschen auch gleich ins Bett legte. Obwohl es total anstrengend war, war ich sehr zufrieden über die heutigen Einkäufe. Ich freue mich bereits, die Waren nächste Woche an die betreffenden Leute zu übergeben.

Mittwoch, 24. Juli 2013 – Stromausfall

Am heutigen Vormittag schaffte ich es die letzten Pinselstriche und Feinheiten des Zaunes anzubringen. Das Projekt ist nun also eeeendlich erfolgreich abgeschlossen und der Zaun und die Malarbeiten vollendet. Ich bin echt stolz auf unsere Arbeit und dass ich mein Projekt in der kurzen Zeit realisieren konnte. Denn auch wenn der – von mir erwartete und erhoffte – Erfahrungsaustausch zwischen uns Freiwilligen und den einheimischen Mitarbeitern nicht so wirklich stattgefunden hatte, kann ich dennoch mit einem guten Gefühl und einem sichtbaren Resultat nach Hause kehren. Der Sozialeinsatz hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich glaube, dass es mir gelungen ist, einen kleinen Teil zu bewirken und etwas Nachhaltiges auf die Beine zu stellen…   Jetzt bleiben nur noch mein kleines Spendenprojekt des Rehabilitationszentrums und ein paar Computerschulungen und Programmanpassungen für Léonard und dann kann ich glaube ich wirklich mit einem zufriedenstellenden Fazit zurück in die Schweiz kehren…

Den Nachmittag verbrachten wir bei Patrick zu Hause, wo wir uns zusammensetzten, um den Sporttag von nächster Woche zu planen. Patrick und Noémie hatten die tolle Idee, dass wir den letzten offiziellen Arbeitstag in eine ausserordentliche Aktivität – eine Art „Sport- und Spasstag“ verwandeln können. Die Lehrer waren zwar anfangs etwas skeptisch, als wir ihnen unser Vorhaben präsentierten, gaben uns dann aber schlussendlich ihr Einverständnis. Also setzten wir uns heute Nachmittag zusammen, um uns der Planung zu widmen. Obwohl es sich bei uns allen um drei Dickköpfe handelt und wir gewisse Punkte ziemlich rege diskutiert hatten, schafften wir es am Ende des Tages, ein tolles und abwechslungsreiches Programm auf die Beine zu stellen. Mit den beiden ist es nämlich immer ziemlich spannend und anspruchsvoll (im positiven Sinne), da unsere Meinungen bei gewissen Punkten und Themen ziemlich auseinanderdriften und immer wieder zu hitzigen Grundsatzdiskussionen führen. Auch wenn ich teilweise das Gefühl habe, dass mir Patrick einfach grundsätzlich gerne widerspricht (was er natürlich verneinen würde *g*), schätze ich diese konstruktiven Gespräche sehr, da ich sie meistens sehr interessant und bereichernd finde. Patrick ist wirklich ein guter Gesprächspartner – das Gegenteil der Sorte Menschen, die zu allem „Ja und Amen“ sagen. Obwohl er als angehender Physiker hauptsächlich nur glaubt was faktisch belegbar oder logisch erklärbar ist und daher oftmals total gegensätzlicher Meinung ist, kann er seine Ansichten immer sehr gut und glaubhaft begründen. Seine, oftmals mit physischen Fakten untermauerten Ansichten bieten mir immer wieder die Möglichkeit, eine gewisse Sache auch mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten, was ich enorm bereichernd finde. Die beiden Freiwilligen sind mir echt ans Herz gewachsen und unsere konstruktiven, philosophischen und kritischen Diskussionsrunden werden mir echt fehlen…

Heute Abend hatten wir erneut keine Elektrizität, da die Stromversorgung anscheinend öfters die Stromzufuhr unterbricht, wenn es über längere Zeit nicht regnet. Da es nun – trotz eigentlicher Regensaison – seit mehr als 10 Tagen nicht mehr richtig geregnet hatte, streiken wohl so einige Systeme. So dauerte der Stromausfall nicht wie normalerweise ein paar wenige Minuten, sondern mehrere Stunden. Obwohl sich die Einheimischen darüber ärgern, da sie dadurch ihre täglichen TV-Serien nicht schauen können, sind sie dennoch bestens darauf vorbereitet. So sind alle Haushalte mit genügend Taschenlampen und Kerzen ausgerüstet, um sich in solchen Fällen problemlos durchzuschlagen.

Ich fand diese friedliche „Pfadilager-Lagerfeuer“ ähnliche Stimmung ehrlich gesagt ziemlich cool. So sass ich mit meiner Familie draussen auf der Veranda im Kerzenlichtschein, wo ich mich richtig ausgiebig mit meinem Gastpapa unterhielt. Der etwas über 70 jährige sehr weise und erfahrene Mann hat jede Menge interessante Dinge zu erzählen. Da er mehrere Dutzende Jahre in Europa verbracht hatte, kennt er sich auch sehr gut über unsere Kultur und das Leben in Europa aus. Wir diskutierten über alle möglichen Themen und wäre ich nicht total müde gewesen, hätte ich mich wohl noch stundenlang mit ihm weiter unterhalten. Obwohl ich bis anhin noch nicht sonderlich viel Zeit mit ihm verbracht habe, da er sich öfters zurückzieht und eher etwas scheu ist, nimmt er für mich so ein bisschen die Rolle eines – nie dagewesenen – Opas ein. Da ja leider der grösste Teil meiner Grosseltern bereits vor meiner Geburt verstorben waren, hatte ich halt nie einen Opa. Er füllt also beinahe ein bisschen mein Manko an „Opa-Enkelin“ Gesprächen aus, was ich sehr bereichernd finde. Unsere interessanten Gespräche bedeuten mir daher relativ viel… nur schade, dass ich mich nicht in meiner Muttersprache darüber verständigen kann. Denn genau bei solchen etwas tiefgründigeren Themen komme ich mit meinem beschränkten Wortschatz halt ziemlich schnell an meine Grenzen bzw. empfinde ich es bereits nach kurzer Zeit relativ anstrengend…

Dienstag, 23. Juli 2013 – Besuch des Rehabilitationszentrums

Als ich heute Morgen aufwachte, fühlte ich mich glücklicherweise schon um Welten besser. Ich war echt beruhigt, dass ich den gestrigen Schwächeanfall wohl eher auf einen Sonnenstich und nicht auf eine Malariaerkrankung schieben konnte – denn Malaria muss ich ehrlich gesagt nicht wirklich erleben… und da mein Programm für die verbleibenden 7 Tage sowieso relativ straff ist, kämen mir irgendwelche Wehwehchen noch ungelegener. Ich möchte nochmals richtig Vollgas geben, um gewisse Ideen und kleine Projekte noch zu verwirklichen…

Für den heutigen Tag hatte ich zur Abwechslung ein ziemlich ausserordentliches Programm. So ging ich nicht wie üblich in die Schule, sondern hatte einen Ausflug mit meiner Gastmutter geplant. Geplant war der Besuch eines befreundeten katholischen Pfarrers, der uns dann wiederum ins Rehabilitationszentrum führen sollte. Hintergrund dieses ganzen Ausfluges waren keine touristischen oder vergleichbaren Motive, sondern mein Wunsch bzw. Vorhaben das übrige Spendengeld in ein sinnvolles Projekt zu investieren. Denn wie ich ja in einem vorherigen Bericht bereits mal erwähnt hatte, befindet sich auf meinem Spendenkonto, welches ich für die Realisierung des Zaunes eröffnet hatte, noch ein bisschen Geld. Da ich jedoch aufgrund einiger Vorfälle das Geld nicht unbedingt meiner Organisation in die Hände geben will, hatte ich mich in den letzten zwei Wochen über ein paar andere Institutionen und Organisationen informiert. Die Idee meiner Gastmutter, ein Rehabilitationszentrum zu unterstützen, war mir auf Anhieb sympathisch. Da ich jedoch mittlerweile etwas vorsichtiger und zurückhaltender bin, wollte ich mir das ganze Projekt erstmals anschauen, bevor ich irgendjemandem Geld oder Unterstützung verspreche…

Mir war es also echt ein Anliegen das auserwählte Projekt mit eigenen Augen zu sehen und mich vor Ort mit gewissen Leuten über mögliche Unterstützungsformen zu unterhalten. Obwohl es für mich viel einfacher und bequemer wäre, den Rest des Geldes einfach meiner Organisation zu übergeben, nehme ich diesen Aufwand mit der Suche eines Alternativprojektes gerne auf  mich. Denn mir liegt es wirklich am Herzen, dass euer und mein Geld in die richtigen Hände kommt. Hilfsbedürftige Menschen gibt es in Kamerun leider genügend, nur ist es teilweise schwierig herauszufinden, wie man auch wirklich an die richtigen Leute kommt.

Also machten wir uns heute bereits früh morgens auf den Weg zu Lucas, dem befreundeten Pfarrer, der mich mit dem Rehabilitationszentrum „verkuppeln“ sollte. Dort angekommen „musste“ ich gezwungenermassen gegen die 10 Fotoalben „bestaunen“. Dies scheint bei den mittelschichtigen bis wohlhabenden Kamerunern ziemlich verbreitet zu sein. Denn bei fast jedem Besuch werden mir als „Eisbrecher“ zuerst diverse Fotoalben gezeigt. Obwohl ich die Geste ja grundsätzlich sehr schätze und schön finde, sinkt mein Begeisterungssturm meistens nach dem dritten Album. Lucas war mir grundsätzlich sympathisch, doch irgendwie hatte ich bei ihm das Gefühl, dass er ein bisschen Geld gerochen hatte. Auch er verband mal wieder meine Hautfarbe mit einer nicht vorhandenen riesigen Geldquelle, da er mir relativ bald von diversen geplanten Projekten erzählte. Ich blieb freundlich aber sehr zurückhaltend, da ich ja schliesslich von ihm noch was wollte – er sollte mich ja mit der Organisation in Verbindung bringen…

Irgendwann verschwand meine Gastmutter mit ihm für ein paar Minuten, wobei sie ihm anscheinend verbat mir weitere Projekte vorzustellen. Sie machte ihm relativ klar, dass ich hier sei, um mir das Rehabilitationszentrum anzuschauen und ggf. zu unterstützen und dass ich keine reiche Geldquelle sei… Ich war echt froh, war meine Gastmutter mit dabei und legte teilweise ein wenig ihr Veto ein, da sie nämlich die Leute hier und ihre Motive bzw. Hintergründe relativ schnell durchschaut, was mir als Fremder und dann auch noch mit der sprachlichen Barriere sicherlich etwas schwieriger fällt.

Nach einem leckeren Frühstück gingen wir dann auch endlich los, um uns das Reha-Zentrum anzuschauen. Dass wir uns am richtigen Ort befanden, war zweifellos, da uns nämlich bereits auf dem Parkplatz mehrere Menschen mit Gehbehinderungen oder in Rollstühlen entgegenkamen. Obwohl ich noch fast nichts gesehen hatte, überkam mich irgendwie automatisch so ein warmes Gefühl. Ich wusste irgendwie bereits, dass ich am richtigen Ort gelandet war…

Lucas machte mich dann auch gleich mit der Leiterin bekannt, die glücklicherweise englischsprachig war, sodass ich ihr problemlos mein Vorhaben mitteilen konnte. Ihre zurückhaltende beinahe schon etwas gleichgültige Art war mir irgendwie auf Anhieb sympathisch. Denn im Gegenzug zu vielen anderen Leuten, deren Mimik sich beim Wort „Spende“ automatisch verändert und bei denen beinahe schon Dollarzeichen in den Augen aufblitzen, wirkte sie ziemlich bescheiden. Sie bedankte sich lediglich für mein Interesse und begann nicht gleich, in irgendwelchen illusorischen Vorstellungen zu schwelgen. Ein weiterer sehr sympathischer und befürwortender Punkt war ihre Aussage, dass sie uns nicht zu den behinderten Menschen führen möchte, da sie es nicht möge, wenn ihre Patienten ausgestellt würden und Leute sozusagen kämen, um sich Leute mit körperlicher oder geistiger Behinderung anzusehen. Diese Aussage war mir derart sympathisch, sodass ich mich eigentlich innerlich schon für die Unterstützung dieser Institution entschieden hatte. Denn meine Motivation hinter dem Besuch war, die Institution anzuschauen und mich gegebenenfalls mit ein paar Menschen persönlich zu unterhalten, um mir mein eigenes Bild zu machen. Keineswegs wollte ich die Menschen wie in einem Zoo oder einem Museum betrachten. Daher kam mir ihre Aussage sehr entgegen, die noch mehr für sich und ihre Institution sprach. Sie schien mir direkt aus der Seele zu reden… ich finde es nämlich äusserst unangebracht, wenn sich Leute aus Sensationsgier an solche Orte begeben. Ein weiterer sehr positiver und befürwortender Punkt fand ich ihre Aussage, dass sie die Menschen hier nicht „Behinderte“ sondern „People with special abilities“ (Menschen mit speziellen Fähigkeiten) nennen.

Wie es der Zufall so wollte, fand genau heute an diesem Tag eine Aufführung der Kinder aus dem Ferienprogramm statt. Obwohl wir eigentlich nicht zu den geladenen Gästen gehörten, bot uns die Dame an, in einer Stunde wiederzukommen, um uns die Aufführung persönlich anzuschauen.

Die verbleibende Stunde nutzten wir aus, um eine Bekannte von Lucas zu besuchen. Da Lucas als Pfarrer natürlich immer wieder Helfer in der Not spielt und daher viele persönliche Schicksale und traurige Geschichten kennt, hatte er mir unter anderem von einer jungen Mutter erzählt. Bei jenem 16 jährigen Mädchen hält es sich in der Tat, um einen sehr hilfsbedürftigen Menschen. Der Vater und Erzeuger des Kindes kommt seiner Verantwortung nicht nach, wobei das Waisenmädchen mit seinem 1 Monatigen Baby mehr oder weniger auf sich alleine gestellt ist. Wir besuchten das Mädchen, das vorübergehend bei einer anderen Familie wohnte, die ihr wenigstens ein Dach über dem Kopf boten. Doch anscheinend funktioniert das Zusammenleben mit jener Familie überhaupt nicht, sodass das Mädchen und das Baby bald wieder obdachlos seien. Ich unterhielt mich ein wenig mit dem wunderschönen Mädchen, das sehr tapfer war, die ganze Zeit hinweg aber den Tränen sehr nahe stand. Die Idee von Lucas, dass man dieses hilflose Mädchen mit einem kleinen Beitrag an Babykleidern und Babynahrung ein bisschen unterstützen könnte, kam mir nämlich sehr entgegen. Auch wenn ich die Welt des Mädchens nicht wirklich verändern kann, kann ich ihr mit einem vergleichsweise winzigen Betrag zu mindest kurzfristig das Leben etwas erleichtern…

Wir notierten uns also gemeinsam ein paar notwendige Dinge wie Kleidung für das Baby, Medikamente und Esswaren, die ich für das Mädchen und das Kind besorgen kann. Denn auch in diesem Fall möchte ich die Leute nicht mit Geldbeträgen sondern mit gekauften Geschenken unterstützen – schliesslich weiss man ja nie, wer das Geld denn wirklich einsteckt…

Nach diesem eindrücklichen aber auch sehr erschütternden Besuch kehrten wir zurück ins Reha-Zentrum, wo wir bereits von Weitem die laute Musik vernahmen. Die Aufführung hatte also bereits gestartet. Als uns die Leiterin entdeckte, führte sie uns unauffällig auf ein paar Plätze, sodass wir uns noch den Rest der Aufführung anschauen konnten. Was ich in den nächsten 30 Minuten zu sehen kriegte, war echt unglaublich bereichernd. Die Tanz-, Gesangs-, Gedichte- und Sketchaufführungen der hauptsächlich körperlich oder geistig behinderten Menschen waren einfach atemberaubend. Ich konnte es teilweise kaum glauben wie talentiert die Kids und jungen Erwachsenen waren. Völlig verblüfft und immer wieder den Tränen nahe beobachtete ich das ganze Spektakel. Hier handelt es sich in der Tat um Menschen mit speziellen Fähigkeiten.

Nachdem die Show zu Ende war, wurden die Besucher noch in die verschiedenen Klassenräume geführt, wo uns mehr über die Arbeit mit den Menschen erklärt und gezeigt wurden. So zeigten sie uns beispielsweise Computersysteme für blinde Patienten oder ein spezielles Keyboard, welches als Therapiemittel eingesetzt wird. Ein querschnittsgelähmter Patient demonstrierte uns das Gewichtheben mit den Armen – seinem einzigen noch spürbaren Körperteil. Ich fand es richtig schön und beeindruckend, dass es sich auch bei einem grossen Teil der Lehrkräfte und des Personals um Menschen mit einer Behinderung handelte – um Seh- oder Gehbehinderte. Draussen beobachtete ich, wie drei Kinder im Rollstuhl Tischtennis spielten. Ich war völlig fasziniert von all diesen Menschen…

Der weisse Gast blieb natürlich auch vielen Patienten nicht unbemerkt. So winkten und lachten sie mir ständig zu oder gaben mir Handklatsche beim Vorbeilaufen. Noch selten hatte ich so viele lachende und strahlende Menschen gesehen. Obwohl das Leben dieser Menschen alles andere als einfach ist – denn hier in Kamerun ist eigentlich nichts wirklich behindertenfreundlich – wirkten sie dennoch total glücklich und zufrieden. Eine Ausstrahlung und Herzlichkeit, die ich so noch selten erlebt hatte. Die Menschen und die ganze Situation hatten mich derart berührt und beeindruckt, dass ich mir eigentlich die ganze Zeit über die Tränen zurückhalten musste. Tränen der Freude, Einsicht, Traurigkeit und Dankbarkeit…

Mir wurde mal wieder bewusst, wie glücklich wir uns schätzen können und sollten, gesund zu sein. Wie dankbar wir sein sollten, dass wir jeden Tags aufs Neue aufstehen, gehen, sehen, hören, fühlen und riechen können. 5 Sinne, die wir tagtäglich ohne grosses Bewusstsein nutzen, die aber eigentlich alles andere als selbstverständlich sind. Dinge, die wir nie so richtig schätzen und immer als Selbstverständlichkeit betrachten. Denn ein verwöhnter und gesunder Industrieländler ist ja zu sehr beschäftigt mit all seinen „Problemen“ als sich einfach mal im Klaren zu sein, wie glücklich und dankbar er sich schätzen sollte, gesund zu sein und all diesen Wohlstand geniessen zu dürfen… Obwohl ich eigentlich das Gefühl habe, dass mir sehr wohl bewusst ist, dass Gesundheit über Geld und allem Wohlstand steht, hat mir dieser Besuch heute einmal mehr die Augen geöffnet…

Ich bedankte mich innerlich bei meinem Schicksal, das mich heute eigentlich eher per Zufall an diesen Ort gebracht hatte. Ich bin mir sicher, dass ich auch im Interesse von euch Spendenfreudigen handle, wenn ich diese nachhaltige und sympathische Institution unterstütze und den Patienten mit einer Unterstützung ein Lächeln aufs Gesicht zaubere…

Montag, 22. Juli 2013 – erste Filme mit den Kids

Die Ameisen zählen hier neben dem Hahn zu meinen grössten Feinden. Denn diese scheiss Insekten sind hier echt die totale Plage. Kaum steht Essen ein paar wenige Minuten unbedeckt herum, ist auch bereits alles von hässlichen Ameisen befallen. Teilweise ist es für mich echt rätselhaft, wie diese Ungeziefer an gewisse Orte überhaupt herankommen, da ich jeweils völlig paranoid alles – meiner Meinung nach – gut genug verschliesse und verstecke. Jedoch nicht gut genug für das verblüffende Gespür der Ameisen, wie ich ständig verdutzt feststellen muss… denn jeden Tag befallen diese Dinger erneut meine Esswaren… so auch unsere Ananas Konfitüre, wobei ich sicherlich 10 Minuten damit verbrachte die Viecher aus den Gläsern zu sezieren. 

Bereits heute Morgen fühlte ich mich gesundheitlich nicht besonders fit. Doch ich versuchte nicht weiter herumzuschwächeln und begab mich zur Schule. Als ich die Schule erreichte und mir eine Horde Schüler entgegen gerannt kam, waren meine Wehwehchen auch gleich wie weggeblasen. Diese Anhänglichkeit ist echt unglaublich und zeigt mir, dass ich also doch was richtig mache… die Kids mögen uns Freiwilligen echt und das gibt mir eine gute Bestätigung und ein schönes Gefühl. Ihre Wertschätzung für uns als Person und unsere Arbeit ist enorm…

Glücklicherweise konnte ich Léonard überreden, dass wir in dieser Woche dreimal tanzen, wobei ich den Kids eine Freude bereitete. Auch heute tanzten sie sich mal wieder die Seele aus dem Leibe. Als ich mit den Kindern tanzte und sie beobachtete, wie motiviert sie mitmachten, hatte ich echt alles um mich herum vergessen… Ach, die Kids und vor allem ihr herzliches und fröhliches Strahlen werden mir echt fehlen!!!

Als wir heute die Schule um halb drei verliessen, strotzte uns der Name „Bitame Lucia International School“ entgegen. Der Zaun war nun also beinahe fertig… nun fehlen wirklich nur noch kleine Details und Feinheiten… wenn ich den Zaun nun so – beinahe fertig – anschaue, bin ich echt stolz auf unsere Arbeit. Ich hätte echt nicht gedacht, dass sich mein Projekt so einfach realisieren lässt. Der Mehrwert durch diesen Zaun ist echt enorm, sodass sich auch ständig irgendwelche Eltern oder Lehrer bei mir bedanken. „Sie seien überglücklich mit dem Zaun, da die Kinder nun viel sicherer seien…“ oder „Ihre Kinder würden die ganze Zeit vom Zaun schwärmen, weshalb sie nun extra hergekommen seien, um sich das Ganze live anzusehen…“ solche Dinge bestätigen mir dann noch mehr, dass wir hier wirklich was Tolles und vor allem Nachhaltiges gebaut haben… zum Wohle und zur Sicherheit der Kinder und zur Beruhigung und Zufriedenstellung der Eltern! Danke nochmals an alle, die mein Projekt tatkräftig mit einer Spende unterstützt haben – nur dank euch war das Ganze überhaupt realisierbar!!!!

Den Nachmittag verbrachte ich dann mit Noémie im Internetcafe… ich war jedoch nicht sonderlich fit, sodass ich mich danach auch gleich ins Bett legte. Mittlerweile habe ich echt den Verdacht, dass ich mir vielleicht Malaria eingefangen habe… denn ich fühle mich total fiebrig und schwach… „biiittteeee nicht… bis jetzt ist es doch gesundheitlich so gut und beinahe problemlos verlaufen…“.

Meine Gastmama gab mir dann irgendwelche Medis, wonach ich mich auch gleich ins Bett legte und etwas erholte. In der Nacht wachte ich immer wieder auf, wobei ich mich nicht sonderlich besser fühlte…

Sonntag, 21. Juli 2013 – Erlebnisreicher Tag…

Für den heutigen Sonntag hatte sich meine Gastmutter ganz viele Dinge ausgedacht. Sie wollte uns unter anderem zeigen, wie man Ananas Konfitüre und die Manioc „Würste“ herstellt. Da wir also relativ viel vor hatten, trudelten Noémie und Patrick bereits um 9 Uhr bei uns ein.

Meine Gastmutter hatte dann aber plötzlich eine ganz andere Idee, die unsere ursprüngliche Zeitplanung „etwas“ über den Haufen warf. Sie hatte als Überraschung einen Fotografen engagiert, der unseren heutigen Tag fotografisch festhalten soll. Ein Fotograf, welcher anscheinend auch für seine Fotoshootings à la „typical Africa“ bekannt ist. Nachdem er uns seine Fotomappe mit den lustigen Bildern präsentierte, entschieden wir uns spontan auch ein solches Shooting zu machen. Schliesslich handelte es sich dabei um ein wahrhaftiges Schnäppchen. So bezahlte man nicht den Fotografen, sondern lediglich 1.60Fr. pro auserwähltes Foto. Da wir nicht vorhatten, jede Menge Fotos zu kaufen, wurde dies ein sehr günstiger Spass für uns…

So befanden wir uns also eine halbe Stunde später in seinem Studio bzw. seinem kleinen Kämmerchen, wo er uns in afrikanische Tücher einwickelte und mit passenden Accessoires schmückte. Innerhalb einer halben Stunde wurden die drei Bleichgesichter in regelrechte Indianerfrauen und Indianer Jones verwandelt. Das Resultat war echt zu lustig und wir konnten das bevorstehende Shooting kaum erwarten.

Obwohl wir uns zuerst vom Fotografen für die Kokosnuss-Session überreden liessen, liessen wir diese schlussendlich doch ins Wasser fallen. Denn spätestens als wir die Kokosnussschalen als Oberteil probierten, waren wir uns einig, dass dies ein absolutes „No Go“ war. Die Kokosschalen sahen bei uns derart bekloppt aus, sodass wir uns nicht unnötig noch lächerlicher machen wollten. Also beliessen wir es schlussendlich bei irgendwelchen Stoffbekleidungen…

Mit Speer, afrikanischen Töpfen und anderen Utensilien bewaffnet, machten wir uns auf ins Feld, welches die Kulisse darstellte. Die nächsten 90 Minuten verbrachten wir mit lustigen Foto Sessions, wobei wir versuchten typische „afrikanische“ Szenen zu imitieren…

Zurück zu Hause vergrölten wir uns echt ab den vielen lustigen Bildern. Es hatte uns allen unheimlich viel Spass bereitet und wir waren froh, dass wir uns trotz anfänglichem Zögern für diese spontane Aktion entschieden hatten. Ein solches Souvenir kriegt man schliesslich nicht überall und zudem noch für diesen Schnäppchenpreis. So hatten wir am Ende des Tages genau 12 Fr. pro Person bezahlt, wobei wir mit einer Menge origineller Fotos heimkehrten…

Den Rest des Nachmittages verbrachten wir mit der Zubereitung der Ananas Konfitüre und dem Einpacken der Manioc Würste. Das Resultat war echt gut, sodass wir nun weitere kleine Mitbringsel für zu Hause haben – sogar selbst erstellt…

Zum Abendessen gab’s dann die selbstgeschnürten Manioc Würste mit in Palmblätter eingewickelten „Gemüse-Crevetten-Klumpse“. Obwohl Letzteres eigentlich gar nicht mal so schlecht schmeckte, verging mir spätestens dann der Appetit, als ich mich erinnerte, an WAS genau, mich diese seltsamen Dinge erinnerten. Die schwarz grünen Klösse sahen wirklich genau gleich aus wie Elefantenkackhaufen. Die fasernartige Konsistenz unterstützte meinen Appetitverderbenden Vergleich nur noch mehr, sodass es mich bei den letzten Bissen beinahe würgte….

Als ich abends zu Bett ging, war ich echt erschöpft aufgrund des beinahe schon stressigen Programms des heutigen Tages… doch der ganze „Stress“ hatte sich auf jeden Fall gelohnt, denn diesen Tag zähle ich zweifellos zu den Top Ten…

Samstag, 20. Juli 2013 – Traditionelles Afro Tanzen:

Heute Vormittag hatten die Businsassen – ich inklusive – unheimliches Glück, denn um ein Haar wären wir mit einem anderen Bus kollidiert. Schuld daran war der andere Busfahrer, der einfach ohne Zeichen oder Seitenblick in die Strasse eingebogen ist. Gott sei Dank verfügte unser Fahrer über eine blitzschnelle Reaktionsfähigkeit, sodass er uns mit einem geschickten Manöver im letzten Moment vor Schlimmerem bewahrte… So waren spätestens nach der ruckartigen Rettungsaktion alle Leute im Bus wachgerüttelt… Doch ehrlich gesagt erstaunen mich solche Szenen kaum, wenn ich an die Fahrkünste und die von allen missachteten Verkehrsregeln hier denke. Ich hoffe nur, dass ich die restlichen zehn verbleibenden Tage noch unfallfrei überstehe – denn über einen Autounfall möchte ich nicht wirklich in meinem Blog berichten müssen… dies steht definitiv nicht auf meiner To Do Liste in Kamerun!

Heute hatten wir zur Abwechslung mal ein sportliches Programm – wir hatten uns nämlich bei einem Bekannten für eine „Traditional Afro Dance“ Tanzstunde angemeldet. Da ich ja Tanzen total liebe, konnte ich diese neue Erfahrung kaum erwarten. Zudem freute ich mich echt drauf, mich zur Abwechslung mal wieder ein bisschen sportlich zu betätigen, was hier ja bis auf meine Zumba Stunden in der Schule total zu kurz kommt…

Leider hatte der Tanzlehrer sein Musikkabel vergessen, sodass Patrick uns dann mit seinen Trommelkünsten unterstützen und begleiten musste. Doch ich war ehrlich gesagt echt positiv überrascht, denn er bewies sich als ziemlich guter und vor allem taktvoller Trommler. Maurice, unser Tanzlehrer begann dann mit den ersten Tanzelementen, während Patrick also wie wild auf seinem Djembe herumtrommelte.

Die Grundschritte des auserwählten afrikanischen Tanzes waren eigentlich relativ simpel und wir konnten sie auch ziemlich schnell so einigermassen nachahmen. Doch als dann der Teil „dance with your whole body“ dazu kam, begann es richtig lustig und amüsant zu werden. Wir mussten abwechslungsweise und teilweise auch gleichzeitig sämtliche Körperteile schütteln, bewegen, kreisen und zittern… Während bei unserem Profitanzlehrer natürlich alles so einfach, rhythmisch und stylisch aussah, sahen Noémie und ich aus wie zwei Bekloppte auf irgendeinem esoterischen „Gspührsch-mi-Tripp“. Bei „uns“ steifen Europäer (ich stecke jetzt mal bewusst alle in einen Topf, auch wenn dem nicht so ist…) sehen diese ungewohnten Bewegungen total verklemmt und steif aus, wobei Maurice und die Musik zu einem Element zu verschmelzen schienen. Ich musste mir also immer wieder das Lachen verkneifen, wenn ich mir vorstellte, wie ich und meine Laienbewegungen gerade aussehen oder wenn ich Noémie bei ihren Moves beobachtete… bei uns sah das Ganze total Ballerina haft aus, während Maurice sich gekonnt wie ein Gummiball auf der Tanzfläche bewegte…

Gegen Ende hatten wir dann doch einen Tanz gelernt, den wir dann auch gar nicht mal so schlecht beherrschten. Ich war also dann eigentlich ganz stolz auf unsere „Leistung“ und vor allem hatte es mir unheimlich viel Spass bereitet. Ich bereute es fast ein bisschen, dass wir nicht früher auf diese Idee mit dem Tanzen gekommen sind. Denn ich hätte hier echt gerne ein bisschen tiefer und ausführlicher eine solche Kunst erlernt…

Danach gingen wir drei Freiwilligen, Maurice und eine Kollegin noch was trinken. So chillten wir mit einem erfrischenden Getränk in der Bar, während sich die Jungs an irgendwelchem auf der Strasse gekauften Grillfisch verköstigten. In Kamerun ist es nämlich total üblich und keineswegs unanständig, dass man sich in eine Bar setzt, was trinkt und sich dann aber irgendwo auf der Strasse Food kauft. Deshalb ist es auch ganz normal, dass ständig Eier-, Beignets- oder Erdnüsschenverkäufer in die Bar treten, um ihre Esswaren zu verkaufen. Eine Situation, die man sich bei uns niemals vorstellen könnte. Niemals würde das Personal erlauben, dass man selbst mitgebrachte oder in einem anderen Laden gekaufte Ware im Restaurant oder in der Bar konsumiert. Doch eigentlich finde ich das ganz toll, da man sich so problemlos in ein Lokal setzen kann und jeder sich dann einfach auf der Strasse das kauft, worauf er Lust hat – falls einem die Gerichte auf der Speisekarte nicht passen. So gönnte ich mir gekochte Eier mit scharfer Sauce – einen weiteren Tick, den ich mir hier angewöhnt habe. Während ich eigentlich überhaupt kein Eierfan bin und in der Schweiz kaum Eier verspeise, kaufe ich mir hier nicht selten in einer „Habe-Lust-auf-was-Salziges“-Attacke gekochte Eier am Strassenrand…

Nach dieser kleinen Zwischenverpflegungen gingen wir nochmals an den Kunsthändlermarkt, da wir ja letztes Mal zu wenig Geld mit dabei hatten. Irgendwie gefielen mir die Gegenstände heute nicht mehr ganz so gut wie letztes Mal, sodass ich bei ein paar wenigen Einkäufen blieb. Ich hatte mir zwei riesige identische Holzmasken und ein paar Glücksbringer für Freunde und Familie gekauft. Zufrieden mit unseren heutigen Schnäppchenkäufen machten wir uns dann gegen Abend zurück nach Hause…

Obwohl ich mich ja grundsätzlich auf meine baldige Rückkehr in die Schweiz freue – vor allem auf meine Familie, Freunde und aufs Essen – überkam mich heute auf dem Nachhauseweg plötzlich ein Anflug von Traurigkeit und Melancholie, wenn ich an die Rückkehr dachte. Denn obwohl es viele Dinge gibt, die mir überhaupt nicht leicht fallen und die ich mir teilweise auch anders oder einfacher vorgestellt habe, gibt es wiederum auch ganz viele Sachen, die ich schrecklich vermissen werde. Menschen, Lebenseinstellungen wie auch tägliche Rituale. Besonders die Leichtigkeit, mit der hier alle umgehen, die Offenheit und Herzlichkeit werde ich echt vermissen. Ebenfalls das rege Leben auf und neben der Strasse, wobei man sich eigentlich bei jeder Tageszeit einfach irgendwelche Dinge auf der Strasse besorgen kann, ohne dabei ins Auto zu steigen und in einen Supermarkt zu fahren. Auch die überfüllten, entsorgungsbereiten Busse und Taxis, die einem für wenig Geld überall hin bringen werden mir echt fehlen – sogar die aufgeweckten aber teilweise auch echt nervigen „La Blanche“-Rufe werden mir irgendwie fehlen. Am meisten jedoch werde ich die Kinder und meine Gastfamilie vermissen, die mir mittlerweile echt ans Herz gewachsen sind. Die Uhr tickt und meine letzten Tage in Kamerun sind gezählt… mittlerweile geht es mir fast schon ein bisschen zu schnell, sodass ich manchmal fast schon panisch feststelle, dass gewisse geplante Dinge zeitlich gar nicht mehr möglich sind.

Am Abend widmete ich mich wieder ganz meinem kleinen Gastbruder, indem wir irgendwelche Albernheiten ausführten. Heute Abend war er mal wieder derart anhänglich und süss, sodass ich ihn wirklich am liebsten in meinem Gepäck mit in die Schweiz schmuggeln würde. Ich kann mir zurzeit irgendwie noch gar nicht so richtig vorstellen, dass ich mich bereits in 2 Wochen von allen verabschieden muss und sie wahrscheinlich nie wieder sehen werde…

Den Rest des Abends verbrachte ich in meinem Zimmer, wo ich mich zur Abwechslung mal wieder etwas erholte und mit meinem spannenden Krimi fortfuhr…

Freitag 19. Juli 2013 – Noémies Geburtstag:

Der heutige Morgen verlief eigentlich ganz gewöhnlich ohne irgendwelche nennenswerte Erlebnisse. Ich beschäftigte mich mit dem Weitermalen der Comichelden, während die anderen unterrichteten. Da Noémie heute ihren Geburtstag feierte, verliessen wir die Arbeit auch bereits wenige Minuten nach Schulende.

Noémie hatte sich gewünscht ihren Geburtstag in einem netten Restaurant in Bastos, einem etwas vornehmeren Teil Yaoundés, zu feiern. In einem Stadtteil, wo wir Weissen auch keine wirkliche Seltenheit mehr bilden, denn hier begegnet man eigentlich alle paar Minuten einem anderen Bleichgesicht. Grund dafür sind die vielen Botschaften und internationalen Firmen, deren Niederlassungen sich hauptsächlich in jenem Stadtteil befinden. Wir freuten uns alle riesig, uns zur Abwechslung mal wieder in einem richtig schönen Restaurant zu verköstigen. Schliesslich gehen wir hier eigentlich kaum bis nie aus, da man sich ja meistens entweder zu Hause verköstigt oder sich dann kleine Zwischenmahlzeiten an den Strassenständen kauft.

Als erstes gönnten wir uns jedoch einen dieser unglaublich leckeren Früchtesmoothies, die ein Verkäufer frisch an seinem Strassenstand herzauberte. Der frische Fruchtsaft ist echt abartig lecker und erinnerte mich gleich wieder an meine Reise in Asien, wo wir uns für wenig Geld tagtäglich leckere Smoothies leisteten. Obwohl ich mich ja eigentlich enorm auf die Schweizer Küche und unsere breite Auswahl freue, werde ich gewisse Speisen schon ziemlich vermissen. Den die importierten Früchte in der Schweiz können nie und nimmer den unwiderstehlich süssen und saftigen Geschmack der hier wachsenden Mangos und Ananas’ topen. Auch schätze und geniesse ich es enorm, dass man hier für wenig Geld, überall und beinahe zu jeder Tageszeit kleine Verpflegungen auf der Strasse kaufen kann – seien es meine geliebten aber total ungesunden und kalorienhaltigen Beignets, geröstete Erdnüsse, Eier, Fleisch, Früchte bis hin zu ganzen Menüs…

Gegen den frühen Abend setzten wir uns dann ins Restaurant, um auf Noémies Geburtstag anzustossen. Das Essen war echt super lecker und die Portion war derart riesig, sodass ich es leider nicht mal schaffte, das Ganze aufzuessen. Doch der Ausflug hatte sich allemal gelohnt, denn es tat richtig gut, mal wieder ein richtig üppiges und leckeres Menü zu essen. Obwohl es sich bei diesem Restaurant ja eher um ein etwas vornehmeres und schöneres Restaurant hielt, hatten wir alle für unsere Speise (mit Fleisch) plus frisch gepresstem Fruchtsaft etwas mehr als 5 Fr. bezahlt – unglaublich, wenn man an die Preise bei uns in der Schweiz denkt!

Eigentlich wären wir noch gerne am Abend in irgendeine Bar gegangen, um zum Abschluss des schönen Tages einen Drink zu geniessen. Da man sich jedoch in Kamerun bzw. allgemein in Afrika – besonders mit unserer Hautfarbe – niemals in der Dunkelheit draussen aufhalten sollte, kehrten wir also bereits vor Sonnenuntergang nach Hause. Dies ist dann wiederum ein Grund, der mich meine Heimreise in die Schweiz kaum erwarten lässt. Ich freue mich echt darauf, mich zu jeder Tageszeit frei und unabhängig bewegen zu können, ohne hinter jedem Busch einen Vergewaltiger oder Dieb zu erwarten… wir sind es uns halt einfach schlichtweg nicht gewöhnt, dass man sich nach der Dämmerung nur noch in der Sicherheit der eigenen 4 Wände aufhält – meistens beginnt der tolle Teil des Tages ja erst dann…

Zu Hause angekommen war ich dann aber ziemlich erschöpft und müde, sodass ich mich nach dem Waschen eigentlich direkt ins Bett legte. Ich schnappte mir meinen E-Reader, wobei ich an meinem spannenden neuen Krimi weiter las, den ich heute in der Früh begonnen hatte…

Donnerstag, 18. Juli 2013 – afrikanisches Tanzen in der Schule…

Ich war gerade dabei, mit Pinsel und  Farbe die Strukturen und Muskeln meines Supermans auszubessern, als plötzlich eine Horde Schüler von Weitem auf mich zu rannte… „Good Morning Madaaaameeee…..“ schrien sie als sie sich – als wären es meine eigenen Schützlinge – mir um den Hals warfen. Der kleine Ekobo hielt mich derart eng umschlungen und machte dazu irgendwelche niedlichen Knuddelgeräusche, sodass er mich gar nicht mehr loslassen wollte… wie ein kleines Äffchen rieb er sein Köpfchen an meinem Bauch, während er mit mich mit all seiner Kraft umschlungen hielt. Eine derart herzliche und liebevolle Begrüssung hatte ich noch nie erlebt und ich war derart gerührt, sodass ich für einige Sekunden den Tränen echt nahe stand. Obwohl ich ja in den letzten Wochen durch meine vielen Malarbeiten nicht mehr sonderlich viel Zeit direkt mit den Kindern verbringen konnte, scheinen sie mich dennoch richtig zu vergöttern. 

Ich weiss nicht was heute mit den Kindern los war, denn sie waren alle übernatürlich anhänglich und liebevoll. Sie sind ja eigentlich meistens Goldschätze, doch heute waren sie noch eine ganz Spur extremer. Denn fast alle Schüler, die heute Morgen die Schule erreichten kamen zu mir, um mich persönlich mit einem Lächeln, einer Umarmung oder einem Handschlag zu begrüssen. Letzteres zeigte ich ihnen vorgestern beim Tanzen, worauf mich nun viele so begrüssen oder verabschieden – echt süss. Sie umzingelten mich wie schwirrende Fliegen und bestaunten meine Arbeit, während sie mich mit Komplimenten überhäuften. So zeigten sie sich auch extrem hilfsbereit, wobei sie sich beinahe schon stritten, wer mir als Vorlage mein iPhone und wer mir den Farbtopf hinhalten darf… Die Idee mit den Comichelden war echt gut, denn die Kids können sich vor Freude kaum erholen und bringen ständig eigene Wünsche und Ideen an. „Madame, können Sie auch die Hexe Bibi zeichnen? Madame, wie wär’s mit Mogli oder Kim Possible?“ Völlig fasziniert und interessiert beobachteten sie jede meiner Bewegungen, die sie dann auch gleich immer laut diskutierten und kommentierten. Wenn ich in solchen Momenten an meine Rückkehr in die Schweiz denke, dann fällt es mir echt schwer. Die Kinder, ihre Unbeschwertheit und ihr herzliches Lachen und Strahlen werden mir echt wahnsinnig fehlen…

Auch die heutige Tanzstunde war ausserordentlich – im positiven Sinne. Kaum dröhnte die Musik lautstark aus dem CD-Player, wurden die Türen der Klassenzimmer aufgeschleudert und die Kinder kamen lachend und singend auf mich zu gerannt… „daaancing, daaaanciiiiiiiing!!!!“ Die Kids gaben sich richtig viel Mühe und sangen und tanzten völlig motiviert mit. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass sie mittlerweile die Choreographien sehr gut beherrschen, sodass es ihnen vermutlich noch mehr Spass bereitet. Diese euphorische Stimmung wollte ich unbedingt festhalten, also beauftragte ich meine Mitfreiwilligen nochmals ein paar Filme der Kids zu machen. Gegen Ende der Tanzstunde übergab mir eine Schülerin eine CD mit kamerunischer Musik, da ich sie mal gebeten hatte zur Abwechslung kamerunische Musik mitzubringen. So tauschten wir für die letzten 10 Minuten die Rollen, wobei sich ein paar Kids auf die Bühne stellten, um die Tanzmoves zu demonstrieren, während ich mich unter die Kids mischte und versuchte ihren Anweisungen zu folgen und die kamerunischen Tanzelemente zu lernen. Wir hatten richtig viel Spass und formten einen Kreis, wobei ich jeweils die Kinder nacheinander einzeln in die Mitte schickte, um dem Rest ein paar Moves zu präsentieren. Ich war echt hin und weg und konnte es teilweise kaum fassen, wie gut die Kinder zu ihrer eigenen Musik tanzen können. Selbst Kids, die normalerweise total zurückhaltend und scheu sind, entpuppten sich plötzlich als wahrhaftige Bewegungstalente. So beherrschen teilweise bereits 6 Jährige einen Hüftschwung, von dem ein ungelenkiger und verklemmter Weisser nur träumen kann…

Nach der Schule hatten wir ausnahmsweise nichts geplant, sodass ich endlich mal wieder Zeit fand, meine vielen Erlebnisse niederzuschreiben und ins Internetcafé zu gehen. Per Zufall war meine Mutter grad online, sodass wir es sogar schafften für ein paar Minuten zu skypen… auch wenn das Gespräch total abgehakt war und ich nur die Hälfte des Gesagten verstand, tat es mir unheimlich gut für ein paar Minuten die Stimme meiner Mutter zu hören…

Am Abend wurde ich dann noch von Fifi geschminkt, was schon längst überfällig war. Fifi, die zurzeit gerade eine Kosmetikschule besucht, wollte mich nämlich unbedingt mal als Versuchskaninchen „miss“brauchen. Also sass ich auf einem Stühlchen in der Stube, wobei sie mit ihrem Beautyköfferchen angedackelt kam. Ich schaute absichtlich nicht auf die auserwählten Farbtöne, da ich mich vom Resultat überraschen lassen wollte. Als ich dann also eine halbe Stunde später in den Spiegel starrte, traf mich fast der Schlag bzw. hätte ich am liebsten laut rausgeprustet. Denn ich erkannte mich kaum selbst, als ich mein Spiegelbild betrachtete. Die knalligen und grellen Farben sahen auf meiner hellen Hautfarbe natürlich völlig übertrieben und unnatürlich aus. Meine runden Pfausbacken hatte sie durch das rosa-pinke Rouge noch mehr betont, während meine Augen gelb-grün-rosa geschminkt waren und meine Augenbrauen mit einem schwarzen Stift nachgezogen, verlängert und verdickt wurden. Meine Lippen dunkelpink. Kurz gesagt… ich sah aus wie eine Transe oder irgendein Clown. Obwohl ich am liebsten laut rausgegrölt hätte, musste ich mir mein Lachen verkneifen, da ich meine Schwester und ihre „Schminkkünste“ nicht verletzen oder abwerten wollte. Also setzte ich ein gekünsteltes Lächeln auf und meinte „zwar ein bisschen stark und ungewöhnt, aber schön…“ ich konnte ihr ja schlecht sagen „oh mein Gott, was hast du denn mit meinem Gesicht angestellt… ich seh ja aus wie eine Volltranse!“ Doch das in meinen Augen gescheiterte Experiment lag nicht an ihr sondern einfach an den erlernten Techniken. In ihrer Schule lernt sie natürlich, wie man Frauen mit schwarzer Hautfarbe schminkt, wobei grelle Farbtöne voll schön aussehen. Weisse hingegen schminken sich gewöhnlich ja eher mit bräunlichen oder gräulichen Farbtönen und greifen selten zu knalligen Farben. Denn Talent hat sie allemal, wie ich mal feststellen musste, als sie mir ihre geschminkte Gastschwester präsentierte, was im Gegensatz zu mir wunderschön aussah.

Mittwoch, 17. Juli 2013 – gute Erkenntnisse…

Am heutigen Vormittag waren wir wieder richtig künstlerisch kreativ, denn als wir die Schule um 14 Uhr verliessen, strotzten uns bereits 5 Superhelde entgegen. Die Freude der Kids ist echt unglaublich und zeigt mir, dass die Idee mit dem Comic Helden wirklich eine gute Idee war und den Kindern zweifellos gefällt. Heute beobachtete ich sogar einen kleinen Jungen, wie er sozusagen in der Luft gegen den „Spiderman“ kämpfte.

Am Nachmittag gingen wir dann noch mit Guillaume, dem befreundeten Schulmanager einer anderen Schule essen. Er führte uns wieder in das gleiche Restaurant aus, wobei wir wieder den leckeren Thufisch-Avocado-Karotten-Tomaten-Salat geniessen durften. Es war einmal mehr super lecker und trotz der gesunden Zutaten sehr mastig. Wohlgenährt oder beinahe schon überfressen verliessen wir danach das Restaurant, wo wir uns auch auf den Nachhauseweg machten.

Den Abend verbrachte ich mit meiner Gastfamilie, wobei wir noch lange in der Küche sassen und über Gott und die Welt redeten. Die Situation ist nun wirklich absolut entspannt und so wie vor dem ganzen Chaos – also als wäre nichts von dem Ganzen geschehen. Ich bin echt froh und fühle mich nun wieder gut aufgehoben und zu Hause. Heute Abend hatten wir besonders viel Spass, da wir alle zusammen in der Küche mit einem Netzwerkkabel „Seilspringen“ spielten. Sogar die Mutter war voll mit dabei. Danach schalteten sie Musik ein, wobei sie mir dann das afrikanische Tanzen beibrachten. Wir lachten derart viel und hatten so richtig viel Spass… und der kleine Kephrene war mal wieder zum Verknuddeln süss. Er wollte die ganze Zeit mit mir tanzen und versuchte uns mit lustigen Michael Jackson Moves zum Lachen zu bringen, was ihm natürlich auch immer wieder gelang… ach, die Leute werden mir echt fehlen.

Allgemein ist mein Leben hier eigentlich ziemlich unbeschwert. Sicherlich gibt es viele Dinge, an denen ich mich teilweise etwas ärgere oder die für mich „verwöhnte“ Schweizerin umständlich oder anstrengend sind, doch so wirkliche Probleme und Sorgen habe ich hier eigentlich nicht. Ich kann auch endlich sagen, dass ich meine Sorgen aus der Schweiz wirklich auch in der Schweiz zurücklassen konnte. Einen Zustand, der mir während dem Reisen leider nie gelungen war, da ich trotz der Ferne immer an Dingen herumstudiert hatte, die ich sowieso nicht ändern konnte. Doch heute wurde mir eigentlich zum ersten Mal so richtig bewusst, dass mir dies hier endlich relativ gut gelungen ist. Sicherlich kann ich meinen Kopf nicht gänzlich ausschalten und es gibt immer wieder Momente, in denen Probleme oder Sorgen hochkommen, doch glücklicherweise viel weniger als erwartet. Ich glaube es liegt auch daran, dass das Leben hier derart anders und unvergleichbar mit all dem Bekannten ist, sodass es wirklich wie eine Art Auszeit aus meinem realen Leben ist. Auch wenn ich mich hier eigentlich bis dato überhaupt nicht physisch erholen konnte – was ich mir ja unter anderem auch etwas gewünscht hatte – habe ich jedoch eine andere Art von Erholsamkeit erfahren. Denn ich habe wirklich das Gefühl, dass ich psychisch etwas herunterfahren und wieder neue Kraft und neuen Mut sammeln konnte. Ich glaube, eine gewisse innere Ruhe oder Kraft gefunden zu haben, die ich mir hier erhofft hatte. Ich hoffe wirklich, dass ich diese Leichtigkeit auch mit in die Schweiz zurücknehmen kann und nicht wieder in die gleichen zerstörerischen Muster zurückfalle. Auch wenn bis heute nicht alles genau so verlaufen ist, wie ich mir das vielleicht erhofft oder vorgestellt hatte, kann ich dennoch eigentlich ein positives Fazit schliessen… ich habe viel gegeben und enorm viel erhalten – seien es neue Eindrücke, das herzliche Lachen oder die Umarmung von Kindern, andere wertvolle Lebenseinstellungen und vieles mehr!!!